Gruselweihnachten bei den Großeltern
Es war wieder soweit. Die Koffer waren gepackt und im Wagen verstaut. Mama und Papa liefen hektisch im Haus herum, um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich nichts vergessen hatten. Denn wie jedes Jahr, fuhren wir über Weihnachten zu meinen Großeltern aufs Land, wo sie ein großes, aber auch sehr altes Anwesen hatten.
Dort versammelte sich dann die ganze Familie, was schön aber gleichzeitig auch etwas nervig werden konnte. Versteht das jetzt bitte nicht falsch, ich liebe meine Familie wirklich, aber alle auf einem Haufen, sind über mehrere Tage schwer zu ertragen. ;)
„Julia hör auf zu trödeln und komm sofort runter. Wir müssen los, bevor der Verkehr schlimmer wird.“, rief mein Vater mir von unten zu, also packte ich meinen Rucksack, nahm mein Handy von meinem Nachtisch und lief schnell die Treppen runter.
Sobald ich im Auto saß, fingen meine Eltern an ein Weihnachtslied nach dem anderen zu trällern, weshalb ich meine Kopfhörer in mein Handy stöpselte und begann mir meine eigene Musik anzuhören. Meine Eltern sind zwar super, aber leider nicht besonders musikalisch begabt, was sie jedoch trotzdem nicht davon abhielt zu singen, wann immer sie die Gelegenheit dazu bekamen. Der Technik sei Dank, hatte ich die Möglichkeit das auszublenden.
Einige Stunden später, kamen wir erschöpft bei meinen Großeltern an. Sobald die Tür geöffnet wurde, schlug mir der Duft nach Weihnachten entgegen. So nannte ich es, wenn der Duft von Omis Gebäck und der Geruch der Tannenbäume aufeinandertraf. Denn das verband ich schon seit meiner Kindheit mit Weihnachten.
Nachdem die große Begrüßungsrunde beendet wurde, ging ich nach oben, um mich in einem der Gästezimmer einzurichten, welches bereits bis ins kleinste Detail vorbereitet waren, so wie es schon immer der Fall war. Das Bett war frisch bezogen, Handtücher lagen bereit und eine Kerze, welche nach Vanille roch, stand auf dem Nachtisch bereit; mein Lieblingsduft. Ach Oma war einfach die Beste.
Während ich noch meinen Gedanken nachhing, hörte ich aufgeregtes Gemurmel von unten zu mir aufsteigen. Neugierig wie ich war, stieg ich langsam die Treppe hinunter und lauschte währenddessen. Ich war so darauf konzentriert, zu erfahren was vor sich ging, dass ich erschrak als unter meinen Füßen eine Diele knarrte. Zum Glück schaffte ich es rechtzeitig mich am Geländer festzuhalten, sodass ich nicht das Gleichgewicht verlor. Wäre ja auch zu blöd, wenn ich jetzt stürzte und mir etwas brach.
Als ich unten ankam, bekam ich noch die letzten Worte des Nachrichtensprechers mit, der betonte, dass alle in den nächsten Stunden zu ihrer eigenen Sicherheit, das Haus nicht verlassen sollen. Ich spürte wie sich mir der Magen umdrehte. Was konnte so schlimm sein, dass wir dazu aufgefordert werden nicht raus zu gehen? Ein Serienkiller? Ein schlimmer Schneesturm? Der dritte Weltkrieg? Was war hier bloß los und vor allem, warum redete keiner mit mir? Mir fällt erst in diesem Moment auf, dass alle wie erstarrt waren und es nicht einmal den Anschein macht als würden sie noch atmen. Mein Großvater saß in seinem Sessel, am anderen Ende des Raums und starrte auf den Fernseher, ohne auch nur zu blinzeln, meine Großmutter stand mitten im Raum, den Blick auf den Teller Kekse in ihrer Hand gerichtet und meine Mutter saß auf dem Sofa, die Hände in ihren Schoß gefaltet, ihre Augen geschlossen, so als ob sie beten würde. Ich schaute mich nach meinem Vater um, doch konnte ihn nirgends entdecken. Wo war er bloß? „Was ist hier los?“, fragte ich in den Raum hinein, doch niemand antwortete. Also fragte ich nochmal, diesmal etwas lauter, doch es antwortete immer noch keiner.
Ich lief zu meiner Großmutter, doch auch als ich mich ihr näherte, reagierte sie nicht. Bei den anderen genauso. Langsam wurde ich wirklich nervös und vielleicht auch etwas panisch und was das Schlimmste war, war dass mein Vater nicht auftauchte. Er wusste doch immer was zu tun war, obwohl ich mir schlecht vorstellen kann, dass er sich jemals in einer solchen Situation befunden hat. Es wirkte nämlich so, als ob zwischenzeitlich Aliens hier gewesen wären und alles versteinert hätten. Oh Gott, ich musste aufhören mich selbst verrückt zu machen.
Da tauchte plötzlich mein Vater hinter mir auf und fragte mich was los sei. Ich fing an zu stottern und drehte mich panisch zu den anderen um, damit er selbst sehen konnte was los war. Doch da war nichts beziehungsweise alles war wieder normal. Im Fernseher lief eine Kochsendung, mein Großvater döste in seinem Sessel, Mama las ihre E-Mails auf ihrem Handy und Großmutter dekorierte den Tisch für morgen. Ich drehte mich verdattert zu meinem Vater, machte den Mund auf, um etwas zu sagen, doch dann schloss ich ihn wieder. Denn ganz ehrlich, was sollte ich sagen. Ich wusste ja selbst nicht, was ich glauben soll, was hier passiert war. Wahrscheinlich war ich einfach übermüdet und meine Fantasie spielte mir einen Streich. Also entschuldigte ich mich und ging nach oben, um etwas zu schlafen.
Am nächsten morgen wachte ich auf und stieg die Treppen hinunter, während ich mich fragte, warum es nicht wie normalerweise am ersten Weihnachtsmorgen, nach Pfannkuchen duftete. Unten angekommen entdeckte ich niemanden, was sehr ungewöhnlich war, denn ich war nie die erste die aufwachte. „HALLO?“, rief ich durchs ganze Haus, doch es kam keine Antwort. Ich ging zum Fenster und schaute hinaus. Alles wirkte wie verlassen. Das Auto meiner Eltern stand nicht mehr vor der Tür und auch das meiner Großeltern fehlte.
Doch es befanden sich auch keine Spuren im Schnee, denn dieser war ganz frisch. Während mir plötzlich dämmerte, dass ich ganz allein war, knarrte eine Diele im Flur und ich erstarrte.
